Donnerstag, den 16. Mai 2002
Was geschah
Am 16.05.02 wurde ich, wie jeden Morgen, von meinem Wecker aus dem Schlaf gerissen. Es war 10 Uhr, und ich musste erst gegen 15.00 Uhr zur Spätschicht arbeiten. Ich war etwas schlapp, was ich jedoch auf die Behandlung beim Zahnarzt schob, die ich um 11.30 Uhr vor mir hatte. Ich zog mich an, machte mich frisch, aß ein paar Happen, sah etwas Fern, putzte meine Zähne und fuhr los. Als ich in der U-Bahn saß, war ich immer noch ziemlich fertig und ich dachte mir: "Das liegt vielleicht am Wetter". Das hatte ich oft gehabt und machte mir deshalb keine Gedanken um meinen Zustand. Als ich den ersten Teil meiner Wurzelbehandlung hinter mir hatte, fuhr ich zu meinem Fitnessstudio. Ich war dort seit 5 Monaten Mitglied und wollte erstens mein Herz trainieren und zweitens, was noch viel wichtiger war, mehr Muskeln bekommen. Also ging ich eine halbe Stunde auf das Laufband, bis ich dann zu den Gewichten wechselte. Ich tat 5 kg mehr drauf als sonst und begann zu trainieren. Viel konnte ich nicht heben, da ich mich immer noch schlapp fühlte. Als ich meine Brustmuskulatur trainierte, kam ich völlig aus der Puste und machte eine kurze Pause. Doch das schwere Atmen hörte nicht mehr auf und als das nicht das einzige war, konnte ich irgendwann nicht mehr sitzen und fiel zu Boden. Ich dachte:
"OK, Philipp, haste ein wenig zu viel trainiert und jetzt ist dein Blutdruck unten."
Ein Trainer kam und kümmerte sich um mich. Er legte mein Beine nach oben und verständigte den Notarzt. Ich dachte nur: "Na ja, dann komm ich halt ins Krankenhaus, wo die mich wieder aufpäppeln werden."
Die Sanitäter, die nach einigen Minuten da waren, legten mich auf eine Trage und brachten mich zum Krankenwagen. Als sie mich hineinschoben, verlor ich das Bewusstsein ...
17. Mai 2002 - 28. Mai 2002
Intensivstation
Aus Erzählungen weiß ich, dass sie mich zum Krankenhaus der Augustinerinnen brachten, wo ich ungefähr nach zehn Stunden in das Merheimer Krankenhaus verlegt und da operiert wurde. Die genauen Diagnosen waren:
Subarachnoidalblutung links
Intracerebrale Blutung links
Hemiparese rechts
Auf gut Deutsch heißt das soviel wie eine Gehirnblutung auf der linken Seite, die sie durch die Operation beseitigten konnten.
Auf der Intensivstation lag ich 5 Tage im künstlichen Koma. Was ich in den 5 Tagen geträumt habe, möchte ich lieber nicht erzählen. Ich weiß nicht, aber die Erinnerung daran, ist nicht sehr angenehm. Man könnte sagen: "Gott sei es gedankt, wenn man im Koma liegt und nichts spürt, keinen Traum, nichts". Das hätte ich bevorzugt. Als ich nach 5 Tagen erwachte, war ich sehr glücklich, aus dem Alptraum befreit zu sein.
Das erste, woran ich mich erinnere, war der Besuch meiner Schwester und meiner Cousine. Ich weiß noch, wie mir meine Cousine kreidebleich einen kleinen Stoffhund schenke und meine Schwester mir sagte, wie froh sie wären, das ich nun wach war.
Meine Eltern zogen vorübergehend bei meiner Schwester ein, die wie ich in Köln lebt, um tagtäglich für mich da zu sein. Ich konnte es damals nicht verstehen, aber meine ganze Familie und Freunde hatten eine große Angst, dass ich nicht durchkommen würde und schon allein deswegen, auch wenn ich nichts dafür konnte, tut es mir unendlich leid, soviel Angst und Leid gebracht zu haben.
Ich konnte mein Bein nur ein wenig bewegen, meinen Arm fast gar nicht und konnte nicht sprechen. Wenn meine Familie da war, versuchte ich zu sagen, was ich brauchte, doch das war unmöglich. Selbst das Aufschreiben war ein Problem, weil ich dachte, dass ich klar gemacht hätte, was ich wollte, aber irgendeinen nicht verständlichen Unsinn aufgeschrieben hatte. Diese Form des Unverständnisses der schriftlichen Sprache ist eine Unterform der Agraphie. Als Agraphie definiert man erworbene Störungen des Schreibens infolge einer Schädigung einer oder mehrerer corticaler Teilleistungen des Schreibprozesses.
Als dann irgendwann klar war (nachdem es meine Familie geraten hatte), dass ich meinen tragbaren Minidisc - Player haben wollte, war ich zufrieden. Sie brachten ihn mir beim nächsten Mal mit, wie auch einige Bücher und Comics. Doch was sie nicht wussten war, dass ich nicht wirklich lesen konnte. Die Worte hüpften wild herum, und ich konnte erst nach vier Versuchen den Satz verständlich machen. Ich hatte den Visus eingeschränkt, aufgrund eine sakkadierten Blick-Folgerstörung, d.h. also das sich das rechte Auge nicht auf den bestimmten Punkt, auf dem das linke Auge versiert ist, konzentrieren kann.
Ich hatte meiner Familie klargemacht, dass ich meine Freunde ersteinmal nicht sehen wollte, da es mir sehr schlecht ging.
Ich weiß nicht mehr viel von der Zeit auf der Intensivstation, nur Bruchstückhaft ist noch etwas in Erinnerung:
Mein erstes Essen, was mir vom sehr netten Pfleger serviert wurde und wo die Hälfte davon wegen meiner gelähmten, rechten Gesichtsseite vorbeiging.
Mein erstes Sitzen im Rollstuhl. Das hielt ich nur 15 Minuten durch, da die Muskeln der rechten Seite noch sehr schlaff waren.
Ich glaubte nicht, dass ich nur einen Tag nach dem Koma geschlafen hatte. Jedoch der Wachzustand und der Schlaf gingen ohne Pause ineinander über und ich träumte dann wiederum von Gasmasken, die mir das Sprechen erleichtern sollten, von der Nachtschicht, die mir immer wieder sagte, wie leid es ihr täte, bis hin zu verschiedenen Ärzten, die mir gegenüber völlig renitent auftraten.
Als letztes weiß ich noch, wie ein Arzt zu mir ans Bett kam und mir erklärte, sie müssen noch eine Angiographie machen. Die Angiographie ist eine Röntgenuntersuchung, bei der mit Hilfe von Röntgen-Kontrastmitteln Gefäße sichtbar gemacht werden. Mit diesem Verfahren können Arterien (Arteriographie), Venen (Phlebographie) und Lymphgefäße (Lymphographie) untersucht werden. Bei der Untersuchung werden dem Patienten Röntgen-Kontrastmittel in das entsprechende Gefäß gespritzt. Dadurch lassen sich Gefäße vom umgebenden Gewebe deutlich hervorheben. Kontrastmittel erhöhen die Dichte bestimmter Strukturen und machen sie damit besser sichtbar. Der Arzt kann das am Schwarzweiß-Kontrast auf dem Röntgenbild erkennen. Die Gefäße sind hier im Unterschied zur restlichen Umgebung auf dem Röntgenbild weiß. Der weiße Kontrast kommt dadurch zu Stande, dass das Röntgen-Kontrastmittel die Röntgenstrahlung absorbiert. Der Arzt sagte, sie würden hoffen, dabei keine weitere belastete Arterie bei mir zu finden. Wenn Sie jedoch fündig würden, dann müsste ich mich darauf gefasst machen (so habe ich es wenigstens in Erinnerung), dass ich behindert bleiben würde. Am nächsten Tag sollte diese Untersuchung sein, vor der ich verständlicherweise eine große Angst hatte. In der Nacht hatte ich einen Traum, dass diese Angiographie bei mir gemacht worden ist und dass der Arzt keine weiteren, brüchigen Arterien gefunden hätte. Aber bereits morgens wurde ich von der Krankenschwester geweckt, um mich für gerade diese Untersuchung fertig zu machen.
Noch mal das Ganze erleben? Noch mal die Angst haben? Niemanden davon berichten zu können, was in mir vorging?
Mein Herz klopfte wild, bis ich letztlich das positive Ergebnis, aber die z.T. schmerzhafte Untersuchung hinter mir hatte. Währenddessen kümmerten sich meine Eltern darum, meine Rehamaßnahme durchzubekommen. Dabei telefonierten, schrieben, faxten sie "noch und nöcher", vor allem mit der Krankenkasse. Nach mehreren Absagen fragten sie letztlich den Sohn eines Nachbarn, der bei einer Krankenkasse arbeitete, ob er einen Antrag für sie schrieb. Der setzte sich sofort hin und meine Eltern erhielten daraufhin in nur wenigen Tagen die ersehnte Zusage.

Computertomographien meines Schädels; vertikal gespiegelt

Mit gut sichtbaren Blutgerinsel in der linken Seite des Gehirns

Röntgenaufnahme meines Schädelprofils; mit aufliegender Folie zur Operationsplannung
28. Mai 2002 - 03. Juni 2002
Neurochirurgische Station
Ich lag ungefähr 11 Tage auf der Intensivstation und wurde dann auf eine neurochirurgische Station in ein Zimmer verlegt, dass ich mit drei weiteren Mitpatienten teilte. Da ich mit meiner Behinderung eigentlich relativ gut umgehen konnte, wollte ich lieber heute als morgen in eine Reha-Klinik, um dann in ca. 6-8 Wochen wieder "geheilt" zu sein - das dachte ich jedenfalls. Allerdings ließ sich diesmal die schon ausgewählte Reha-Klinik etwas Zeit mit dem Termin.
Also musste ich noch weitere Tage auf der Station verharren. Ich hatte gelernt wieder etwas zu flüstern und bekam noch keine Sätze hin, aber es war ein Anfang.
Die Station war von den Dingen, die mich ablenkten, z.B. Fernsehen und Telefonieren, unheimlich teuer. Gott sei dank hatte ich wieder einmal meine Eltern und meine Schwester, die das alles für mich zahlten.
Ich hatte mich schon wieder etwas gefangen und ich erlaubte meinem besten Freund mich anzurufen. Ich denke, er wusste nicht was ihn erwartet, da ich hauptsätzlich mit "Ja" und "Nein" antwortete und so kein normales Gespräch führen konnte. Ich verstand zwar wohl alles, konnte jedoch nur flüstern. Meine Cousine und ihre Freundin besuchten mich und nahmen mich im Rollstuhl sitzend mit an die frische Luft und erzählten mir (was auch schon meine Schwester getan hatte), wie sie mich am 16.05. gesucht und nicht gefunden hatten, weil ich unter dem Namen "Adlekamp" eingeliefert worden war. Meine Nordhorner Freundin Sandra (auch wohnhaft in Köln; dass so viele von meinen Freunden und meiner Familie in Köln wohnen, ist eine andere Geschichte) hatte es dann doch noch geschafft und mich als erstes besucht, indem sie sich als meine Schwester ausgab.
Als am Wochenende noch kein Termin zur Überführung in die Reha-Klinik anstand, wurde ich sehr wütend, zumal ich keine Nacht durchschlief, weil alle Patienten in meinem Zimmer schnarchten.
Meine Schwester fragte dann die Krankenschwestern, die ihr erlaubten, mich für einen Tag zu ihr mitzunehmen.
Am Dienstag dann wurde ich endlich in die Essener Reha-Klinik "Rhein/Ruhr" in Kettwig gebracht.
03. Juni 2002 - 06. September 2002
Reha-Klinik
Eine nette Schwester stellte mir die Klinik vor, den Patientenraum, wo abendlich Karten gespielt wurde und mein Zimmer. Ich war in einem Zweibettzimmer untergebracht, wo ich jedoch eine Woche allein war. Ich bekam Ergotherapie für meinen Arm, Krankengymnastik für das Bein, das Becken, den Rumpf und Logopädie für die Stimme. Außerdem bekam ich noch Sprech-Gruppenunterricht, Gehirnleistungstraining, um meinen Geist wieder aufzubauen und Massage.
Ich musste mich daran gewöhnen, welcher Art die Therapien waren. Z.B. musste ich bei der Ergotherapie mit Hilfe der Therapeutin auf einem Tisch mit einem Tuch Wisch - Bewegungen oder bei der Logopädie Gesichtsgrimassen machen, um die Lähmung weitestgehend wegzubekommen. Heute weiß ich, dass alles, was sie in der Therapie machten, unheimlich durchdacht war, weil sie so meine Muskeln aufbauten und Bewegung hineinbrachten. Es ist ja so, dass die Körperteile völlig in Ordnung waren, das Gehirn jedoch nicht mehr genau wusste, was es zu machen hatte.
Ich bzw. wir schafften in nur kurzer Zeit, meine Stimme wieder hörbar, und sprachlich wieder ansatzweise fit zu machen, mein Bein wieder so hinzukriegen, dass ich etwas laufen konnte und meinen Geist von 60% auf 90% hochzubringen. Nach einem Monat konnte ich die Fortschritte sehen. Da ich ein wenig introvertiert erschien, wollte oder konnte ich nicht die anderen Patienten kennen lernen, schaute, wenn ich keine Therapie hatte, demnach nur Fern, und ließ mich erstmal gerne besuchen. Doch nach diesem Monat konnte ich kein Fern mehr sehen und alles, was mir meine Eltern mitbrachten, schien mich zu langweilen. Besuch, den ich oft bekam, wollte ich irgendwann nicht mehr sehen (was ich aber keinem sagte), da ich ihnen nichts bieten, nicht großartig sprechen konnte und sie mich unterhalten mussten. Ich war nicht depressiv, wie viele andere, aber ich war negativ drauf.
Das lies ich Gott sei dank an keiner Therapeutin, Krankenschwester, keinem Pfleger oder Besucher aus, aber ich litt trotzdessen sehr. Sobald ich mich umsah, sah ich alte Menschen, die nicht mehr laufen konnten, es nie wieder könnten, die nicht sprechen konnten oder völlig depressiv waren, Menschen, die gefüttert, die an- oder ausgekleidet wurden, die keine Selbstständigkeit mehr hatten. Doch ich konnte noch laufen, konnte mich noch mitteilen, war selbständig. Und ich schwor mir, das Glück, was ich erhalten hatte, voll auszukosten und immer weiter dran zu arbeiten, so dass ich in 4-6 Monaten wieder fit wäre - das dachte ich damals noch.
Ich trainierte das Bein, indem ich mir von meinem Zimmernachbarn die Krücke lieh und das Zimmer auf und ab ging, ich versuchte klar und deutlich zu sprechen, so dass ich bald zusammenhängende Sätze bilden konnte und nicht mehr großartig "nuschelte", ich probierte die bei der Therapie gelernten Sachen auch privat, und später ging ich mit meinem Krückstock den Flur jeden Abend auf und ab.
Ich war zu diesem Zeitpunkt wirklich froh über den Besuch, den ich jede Woche bekam. Es kamen meine Familie, Freunde, Bekannte und meine Arbeitskollegen. Ich hatte von vielen aus der Familie und der Nachbarschaft in Nordhorn nette Karten erhalten und die Worte, die diese Menschen zu mir sprachen, waren mir eine große Hilfe. Außerdem durfte ich von Samstag auf Sonntag nach Hause. Meine Eltern holten mich zunächst erst alle zwei Wochen, dann, als ich nicht mehr dort verweilen wollte, jede Woche ab.
Ich war nach einem Viertel Jahr soweit gegrämt, die Tage der Therapien, des Fern sehens, Video guckens, usw., dass ich nach Hause wollte. Die Ärztin sagte mir dann, dass ich in zwei Wochen gehen könnte. Natürlich konnte ich nicht gehen, ohne dass ich noch ein Problem hatte.
Irgendwann hatte ich derartige Kopfschmerzen, dass ich voller Panik die Ärztin fragte, was das sein könnte. Sie sagte, dass seien nur Spannungskopfschmerzen, ein Druckgefühl, welches irgendwann verschwinden würde; aber sie wüsste ja, das man große Angst vor einem weiteren Schlaganfall hätte, doch das hätte nichts zu sagen, da ja alles operiert worden sei. Nach zwei Tagen waren aber die Kopfschmerzen immer noch da. Sie verschrieb mir Tabletten, die ich abends einnehmen sollte und von denen die Schmerzen verschwinden würden. Ja, davon schlief ich sehr gut, fast wie im Koma (außer den Träumen), aber auch nach drei weiteren Tagen waren die Schmerzen noch da. Sie sagte, dann müsse ich eine Computertomographie machen lassen, und mein Termin wäre an dem Tag vormittags, an dem ich entlassen werden sollte.
Ich sagte zu und lies zittrig, ängstlich an jenem Tag ein CT machen. Bereits zwei Stunden später teilte mir meine Ärztin dann den positiven Befund mit. Es war nichts zu sehen. Es waren einfach nur Kopfschmerzen, und die würden vergehen.
Ich bin mir nicht sicher, ob man das verstehen kann, aber die erste Zeit hatte ich bei jedem Kopfweh, bei jedem schwindeligen Gefühl die Angst, das könne ein neuer Schlaganfall sein. Natürlich hatten die Ärzte diagnostisch sichergestellt, dass keine weiteren Schäden vorhanden waren, doch die Furcht davor blieb.
Meine Schwester kam an jenem Tag mit dem Auto und holte mich ab, um mit mir nach Nordhorn zu fahren.
Zusammenfassend kann ich sagen, dass die Reha-Klinik in Essen in Ordnung gewesen ist. Die Therapeuten, Krankenschwestern und Pfleger hatten beeindruckende Arbeit geleistet, doch was an Freizeitaktivitäten geboten wurde, war erstens sehr wenig vorhanden und zweitens nur für ältere Patienten gedacht. Außerdem ist eines für mich unverständlich:
Eine Ärztin hatte meinen Eltern erzählt, dass mein rechter Arm nie wieder in Ordnung kommen sollte, dass ich ewig nur meinen linken Arm benutzen könne. Hätte ich die Ärztin für voll genommen, hätte ich nie mehr Ergotherapie für meinen Arm gemacht. Wozu auch. Aber, ich tat es als "dummes" Gerede ab. Heute kann ich mich aufgrund der Fortschritte meines Armes sicher sein, dass diese Ärztin nicht die geringste Ahnung hatte.
Auf jeden Fall war ich jetzt glücklich, endlich entlassen worden zu sein.
Und jetzt
Ich war noch 6 Monate teilstationär bzw. ambulant in einer Reha-Klinik in Lingen, nahe Nordhorn, erfolgreich therapiert worden und hatte auch dort beeindruckende Therapeuten, doch entschied ich mich dann zurück nach Köln zu gehen.
Ich glaube, wer Ahnung von den Kostenträgern hat, der weiß, wie anstrengend, zeitaufwendig, frustrierend und letztendlich uneffektiv es ist, einen ambulanten Reha-Platz bewilligt zu bekommen. Ich kämpfe jetzt (Februar 2004) seit 10 Monaten und habe mir anfangs sofort Therapien in Privatpraxen genommen, um überhaupt ein wenig weiterzukommen.
Und ich bin weitergekommen, was ich voller Bescheidenheit sagen kann. Ich habe schon damals, nach einem ¾ Jahr, gewusst, dass ich wohl viele Jahre dafür brauchen werde, wieder bedingt laufen, sprechen, sich artikulieren und Bewegungen mit dem Arm machen zu können. Heute habe ich immer noch einen überhöhten Tonus im Arm (Beuge-Spassmuss) und einen leichten Streck-Spassmuss im Bein, außerdem "nuschel" ich noch ein wenig und leide noch immer unter einer amnestischen Restaphasie, d.h. Wortfindungsstörungen und gelegentlich etwas inhaltsarme Redefloskeln. Aber ich habe gelernt, mit dem Problem, was sicher nicht ewig so bleibt, umzugehen; habe es toleriert, mich von Passanten anstarren zu lassen und habe Selbstbewusstsein aufgebaut. Ich habe gelernt, ruhiger zu bleiben und über Dinge wegzusehen, wenn sie versehendlich gesagt werden, ich habe gelernt, Hilfe dankbar anzunehmen und habe ebenfall gelernt bestimmte Tätigkeiten mit nur einer Hand durchzuführen, wofür ich früher zwei Hände brauchte.
Mit meinen Erfolgen ist das so eine Sache:
Die Fortschritte nach den ersten 6 - 12 Monaten sind überwältigend, doch danach geht es sehr langsam voran. Man ist eigentlich gewöhnt, dass man laufend große Erfolge macht, aber im Endeffekt muss man lernen, dass man z.B. nach 18 Monaten den Daumen ganz alleine innerhalb von 30 Sekunden an die Hand heranführen kann und mehr nicht. Also muss man Geduld haben, was während dieser Zeit wohl am meisten Wert ist. Man muss viele Jahre mit einplanen, und das kann einem sehr leicht auf den Nerv gehen. Aber man darf sich von keinem Menschen sagen lassen: "Das wird nicht besser" oder "Das bleibt so", denn niemand kann das sagen. Christopher Reeves, der ehemalige "Superman", ist da das beste Beispiel.
Bei dieser Person haben alle gesagt - Ärzte, Therapeuten, Freunde - er würde nie wieder etwas anderes bewegen können, als seinen Kopf. Heute kann er schon einen Teil der Zehen und mehrere Finger bewegen. Dementsprechend muss man immer mutig und stark bleiben und darf niemals die Hoffnung verlieren.
Meiner Familie und meinen Freunden bin ich unheimlich dankbar dafür, dass sie mich in meiner schweren Zeit unterstützt und mir geholfen haben, wirklich stark zu bleiben.
Ich habe den Beruf des Einzelhändlers gelernt und darin gearbeitet, was ich jetzt jedoch nicht mehr ausüben kann. Daher bin ich zu einem Berufsförderungswerk gegangen und werde mich dem zu Folge zum Kaufmann für audio-visuelle Medien umschulen lassen.
Mein Ziel
So bin ich am Ende mit der "Geschichte meiner Krankheit" angelangt. Sie geht laufend weiter und ich mache ständig neue Fortschritte, denn nur mit Ehrgeiz werde ich mein Ziel erreichen. Ich habe mir, abgesehen vom Lernen der Sprache, nur ein Ziel gesetzt (man wird ja immer bei den Therapien gefragt, was das Ziel ist):
Ich spielte seit über 20 Jahren Klavier. Und das will ich in der Zukunft wieder können. Natürlich lachen die Ärzte, und die Therapeuten zucken mit der Schulter, aber ich werde alles versuchen, das irgendwann wieder zu können.
Man darf niemals aufgeben, man darf nie die Flinte ins Korn werfen und sagen, das bringt ja doch nichts.
Es gibt Zeiten, da sieht man keinen Fortschritt, manchmal glaubt man tatsächlich Rückschritte zu sehen, doch ich bin mir bewusst, dass man früher oder später das schafft, was man sich erhofft.
Bleiben Sie stark und arbeiten Sie hart daran. Die Zeit und Ihr Ergeiz werden Ihnen Recht geben.